Zum Inhalt springen Zum Navigationsmenü springen
16. Juni 2026  (aktualisiert am 24. September 2026)

Werden Gebäude künftig zu Kohlenstoffspeichern?

von  Redaktion Holzbau Fachhandel | 8 Min. Lesezeit | #Holzbau  #Carbon  #CRCF  #CO2  #Kohlenstoff 

Die Meldung klingt zunächst unspektakulär: Mit einer neuen Brancheninitiative wollen der Hauptverband der Deutschen Holzindustrie (HDH) und die Gesellschaft für Klimaschutz München (GKM) die Grundlagen für eine zertifizierte Kohlenstoffspeicherung im Holzbau schaffen. Hinter diesem Vorhaben verbirgt sich jedoch weit mehr als die Entwicklung eines weiteren Zertifizierungssystems. Tatsächlich könnte sich hier ein Wandel ankündigen, der die Bewertung von Gebäuden und Baustoffen langfristig verändern könnte.

Im Zentrum steht die Frage, welche Rolle Gebäude künftig im Klimaschutz spielen können. Geht es nur darum, möglichst wenig CO₂ zu verursachen? Oder werden Gebäude künftig auch danach bewertet, wie viel Kohlenstoff sie über Jahrzehnte hinweg speichern?

Der europäische Rahmen für Carbon Removals

Moderne Wohnsiedlung mit Mehrfamilienhäusern in Holzbauweise und Grünanlagen.
Auslöser für die neue Initiative ist der sogenannte Carbon Removal Certification Framework (CRCF) der Europäischen Union. Dahinter verbirgt sich ein europäischer Rahmen, mit dem die Entnahme und Speicherung von Kohlenstoff künftig einheitlich erfasst, bewertet und zertifiziert werden soll.

Bislang konzentrierten sich viele Klimaschutzstrategien vor allem darauf, Emissionen zu vermeiden oder zu reduzieren. Die EU verfolgt inzwischen einen erweiterten Ansatz. Neben der Reduktion von Treibhausgasen wird auch die dauerhafte Speicherung von Kohlenstoff zunehmend als ein Bestandteil von Klimaschutzstrategien betrachtet.

Dabei geht es nicht nur um technische Verfahren zur CO₂-Abscheidung oder um die Speicherung von Kohlenstoff in Böden und Wäldern. Auch langlebige Holzprodukte geraten stärker in den Fokus. Denn das Holz, das in Gebäuden, Fassaden, Dächern oder Konstruktionen verbaut wird, enthält den Kohlenstoff, den der Baum während seines Wachstums aus der Atmosphäre aufgenommen hat.

Der CRCF soll dabei künftig als Grundlage dienen, um solche Speicherleistungen nach festgelegten Kriterien zu erfassen und unter bestimmten Voraussetzungen vergleichbar und überprüfbar zu machen. Ob und in welchem Umfang daraus auch handelbare Zertifikate entstehen können, hängt von den jeweiligen rechtlichen und methodischen Voraussetzungen ab. Noch befinden sich viele Detailfragen in der Ausarbeitung, insbesondere hinsichtlich der Methodik, der Dauerhaftigkeit der Speicherung und der Abgrenzung zu Emissionsminderungen. Klar ist jedoch bereits jetzt: Für eine belastbare Bewertung der Speicherleistung von Holz im Gebäudekontext sind nachvollziehbare Daten und geeignete Bilanzierungs- und Zertifizierungssysteme erforderlich.

Genau hier setzt die neue Brancheninitiative an. Sie soll Methoden entwickeln, mit denen diese Speicherleistung künftig nachvollziehbar dokumentiert und unter den entsprechenden Voraussetzungen zertifiziert werden kann.

Holz speichert Kohlenstoff über Jahrzehnte

Die Klimawirkung des Holzbaus wird häufig auf einen einzigen Vorteil reduziert: Holz ersetzt emissionsintensive Baustoffe wie Beton oder Stahl. Tatsächlich ist dieser sogenannte Substitutionseffekt nur ein Teil der Betrachtung.

Schematische Zeichnung eines Mehrfamilienhauses in Holzbauweise. Bildlich wird die Einlagerung von CO2 in das verwendete Holz dargestellt.

Mindestens ebenso wichtig ist die Speicherwirkung des Holzes selbst. Während des Wachstums nimmt ein Baum Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf und bindet den enthaltenen Kohlenstoff in seiner Biomasse. Wird das Holz anschließend zu Bauprodukten verarbeitet und über viele Jahrzehnte in Gebäuden genutzt, bleibt ein Teil dieses Kohlenstoffs zunächst im Produkt gebunden.

Ein Mehrfamilienhaus aus Holz kann damit neben seiner eigentlichen Nutzung als Wohnraum auch Holzprodukte enthalten, in denen Kohlenstoff über längere Zeit gespeichert bleibt. Wie diese Speicherung im Rahmen einer Klimabilanz bewertet wird, hängt unter anderem von der betrachteten Systemgrenze, der Nutzungsdauer und den zugrunde liegenden Bilanzierungsregeln ab.

Solange die verbauten Holzprodukte genutzt werden und der Kohlenstoff im Material gebunden bleibt, wird dieser Kohlenstoff nicht durch die Nutzung des Gebäudes unmittelbar wieder freigesetzt. Für die Gesamtbewertung der Klimawirkung eines Gebäudes müssen jedoch auch Herstellung, Energieeinsatz, Transporte, weitere Baustoffe und das Ende der Nutzungsphase berücksichtigt werden.

Warum die Lebenszyklusbetrachtung entscheidend ist

Innenansicht eines Raumes mit Holzwänden und -Decke und großen Fenstern
Um die Klimawirkung verschiedener Bauweisen zu bewerten, reicht es nicht aus, nur die Bauphase zu betrachten. Entscheidend ist der gesamte Lebenszyklus eines Gebäudes – von der Rohstoffgewinnung über die Herstellung der Baustoffe und die Nutzungsphase bis hin zum Rückbau.

Gerade hier zeigen sich Unterschiede zwischen Holz- und Massivbau, die anhand konkreter Gebäude, Konstruktionen und Bilanzierungsregeln betrachtet werden müssen.

Bei mineralischen Baustoffen entstehen erhebliche CO₂-Emissionen bereits während der Herstellung. Vor allem die Zementproduktion verursacht weltweit relevante Treibhausgasemissionen. Auch die Herstellung von Stahl ist mit erheblichen Treibhausgasemissionen verbunden. Holzprodukte können demgegenüber je nach Produkt, Herstellung und Bilanzierungsansatz andere Emissionsprofile aufweisen. Gleichzeitig enthalten sie den während des Baumwachstums gebundenen Kohlenstoff, der während der Nutzungsdauer im Produkt verbleiben kann.

Das bedeutet: Bei einem Vergleich verschiedener Bauweisen sollten sowohl die mit Herstellung und Nutzung verbundenen Emissionen als auch die Speicherung von biogenem Kohlenstoff und die weiteren Lebenszyklusphasen betrachtet werden. Erst die Gesamtbetrachtung ermöglicht eine belastbare Einordnung der jeweiligen Klimawirkungen.

Der Rückbau und die Frage der Dauerhaftigkeit

zwei Menschen mit Schutzhelmen stehen in einem Holzhaus im Bau
Interessant wird die Betrachtung auch am Ende der Nutzungsphase. Während viele Baustoffe nach dem Rückbau unterschiedlichen Recycling- oder Entsorgungswegen zugeführt werden, eröffnet Holz zusätzliche Möglichkeiten. Bauteile können wiederverwendet, Holzprodukte weiterverarbeitet oder – abhängig von Produkt und Qualität – in Kaskennutzungen eingesetzt werden.

Je länger Holzprodukte genutzt werden und der darin enthaltene Kohlenstoff gebunden bleibt, desto länger kann diese Kohlenstoffbindung bestehen. Für die Bewertung der tatsächlichen Klimawirkung müssen dabei jedoch die jeweiligen Nutzungspfade, Verluste, Wiederverwendungsmöglichkeiten und das spätere Lebensende berücksichtigt werden.
Zunehmend gewinnt deshalb die Frage an Bedeutung, wie Gebäude bereits heute so geplant werden können, dass Materialien sortenrein rückbaubar, digital dokumentiert und möglichst gut wiederverwendbar sind.

Hybride Gebäude als realistischer Zukunftsweg

Trotz der beschriebenen Eigenschaften des Holzbaus wird die Zukunft des Bauens wahrscheinlich nicht ausschließlich aus Holz bestehen.

Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass hybride Bauweisen eine wichtige Rolle spielen können. Dabei werden unterschiedliche Materialien entsprechend ihrer jeweiligen technischen Eigenschaften und Anforderungen eingesetzt.

Fundamente, Tiefgaragen oder hochbelastete Bauteile werden auch künftig häufig aus Beton bestehen. Stahl bietet Vorteile bei großen Spannweiten oder besonderen statischen Anforderungen. Holz wiederum eignet sich unter anderem für Tragwerke, Fassaden, Dächer, Decken und vorgefertigte Bauelemente und kann dabei zur Speicherung von biogenem Kohlenstoff im Gebäude beitragen.

Der entscheidende Unterschied zu früheren Bauweisen könnte darin liegen, dass künftig neben technischen Anforderungen und Kosten auch Umweltwirkungen und die Kohlenstoffbilanz eines Gebäudes stärker in die Materialwahl einbezogen werden.

Ein möglicher Leitgedanke könnte daher lauten: So viel Holz wie technisch und konstruktiv sinnvoll, so viele mineralische Baustoffe wie für die jeweilige Bauaufgabe erforderlich.

Entsteht ein neuer wirtschaftlicher Faktor?

Mit dem CRCF könnte sich langfristig auch die wirtschaftliche Bewertung von Kohlenstoff verändern. Wenn die Speicherung von Kohlenstoff in Gebäuden künftig standardisiert erfasst und zertifiziert werden kann, stellt sich auch die Frage nach ihrer möglichen wirtschaftlichen Bedeutung.

Heute wird vor allem die Emissionsseite betrachtet – also wie viel CO₂ beziehungsweise welche Treibhausgasemissionen bei der Herstellung entstehen. Künftig könnte zusätzlich relevant werden, wie viel Kohlenstoff über längere Zeit im Bauwerk beziehungsweise in den darin eingesetzten Holzprodukten gebunden bleibt.

Das könnte Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsbewertungen, Ausschreibungen, Förderlogiken und Investitionsentscheidungen haben. Ob und in welchem Umfang dies tatsächlich der Fall sein wird, hängt jedoch von der weiteren Entwicklung der europäischen und nationalen Regelungen sowie von den zugrunde liegenden Bewertungsmethoden ab.

Gebäude könnten damit neben ihrer Funktion als Wohn- oder Arbeitsraum künftig auch unter dem Gesichtspunkt ihrer Rolle im Kohlenstoffkreislauf betrachtet werden.

Für den Holzbau eröffnet sich damit ein erweitertes Feld: vom Baustofflieferanten hin zu einem möglichen Akteur im Kohlenstoffmanagement.

Zukunft im Blick

Die neue Brancheninitiative ist damit mehr als ein technisches Projekt zur Zertifizierung. Sie steht exemplarisch für eine Entwicklung, in der Gebäude zunehmend auch als Teil eines Kohlenstoffkreislaufs verstanden werden.

Sollten sich europaweit anerkannte Standards durchsetzen, könnte der Holzbau künftig neben den bei der Herstellung und Nutzung entstehenden Emissionen auch die Speicherung von Kohlenstoff in Holzprodukten stärker in der Umwelt- und Klimabilanzierung berücksichtigen. Wie groß die daraus resultierende Klimawirkung eines konkreten Gebäudes ist, muss dabei anhand des gesamten Lebenszyklus und der jeweils geltenden Bilanzierungsregeln bewertet werden.

Logo Holzbau Fachhandel hagebauprofi

Redaktion Holzbau Fachhandel

Der HOLZBAU FACHHANDEL bietet maßgeschneiderte Angebote für Ihr Bauprojekt – mit dem umweltbewussten und natürlichsten Rohstoff der Welt: Holz. Planer, Verarbeiter und Investoren finden Lösungen, um Ihre Träume und Ansprüche zu verwirklichen. Ihr Partner für eine nachhaltige, regenerative, zeitsparende und preisgünstige Bauweise mit dem besten Baustoff der Welt. Unsere Spezialisten stehen Ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

Artikel teilen

Das könnte Sie auch interessieren

28. Januar 2026
von textbroker | 6 Min. Lesezeit

Die Art, wie wir leben, ist deutlich dynamischer, als es auf den ersten Blick scheint. Kontinuierlich verändern sich Wohngebäude und passen sich unseren aktuellen Bedürfnissen an. Das Jahr 2026 bringt erneut einige Trends mit, die das Wohnen verändern. Die Kosten für den Neubau von Wohngebäuden haben gerade in den vergangenen Jahren...

19. Dezember 2025
von textbroker | 7 Min. Lesezeit

Holz weist immer eine gewisse Restfeuchte auf. Abhängig davon, wofür es Verwendung findet, sollte die Feuchtigkeit in einem bestimmten Bereich liegen. Für die zahlreichen Nutzungsmöglichkeiten von Holz gibt es jeweils spezifische Werte, die einen optimalen...

12. November 2025
von Parador | 6 Min. Lesezeit

Wenn es um die Wahl des richtigen Bodens geht, stehen viele Menschen zunächst vor der Qual der Wahl: Parkett, Vinyl, Teppich oder doch Fliesen? Dabei gerät ein Klassiker oft zu Unrecht in den Hintergrund – Laminat. Dieser Bodenbelag ist seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil moderner Wohnkultur und hat sich vom schlichten...

Leider konnten keine Produkte gefunden werden
Das gewünschte Variantenprodukt befindet sich bereits in der Liste. Die zuvor gewählte Variante wurde aus der Liste entfernt.
Geben Sie hier Ihren Suchbegriff bzw. die Artikelnummer ein und wählen Sie die richtige Position aus der Vorschlagsliste aus. Nun können Sie die gewünschte Anzahl zum Warenkorb hinzufügen.
Tragen Sie hier bitte Ihre Bestellung ein